Mercedes verkauft alle Autohäuser, die in Deutschland bislang direkt zum Konzern gehören. Hinter diesem Schritt steckt jedoch keine finanzielle Notlage und auch kein Rückzug der Marke aus deutschen Städten. Mercedes-Benz will seine konzerneigenen Niederlassungen schrittweise an erfahrene Handelsunternehmen übertragen. Betroffen sind rund 8.000 Beschäftigte in etwa 80 Betrieben, wobei zu einem Betrieb mehrere Autohäuser gehören können.
Der Prozess läuft seit der Entscheidung von 2024 inzwischen auf Hochtouren. Koblenz, Mainz, Neu-Ulm, Dortmund und Lübeck wurden bereits verkauft, weitere Verträge folgten 2026 unter anderem für Aachen, Kassel, Würzburg, Wuppertal, Reutlingen und Hannover. Im Mai kam mit der Niederlassung Berlin-Brandenburg einer der prominentesten Verkäufe hinzu. Für Kundinnen und Kunden soll der Stern an den Standorten bleiben, nur der Betreiber hinter dem Autohaus wechselt.
Warum verkauft Mercedes alle Autohäuser?
Mercedes-Benz bezeichnet den Schritt als strategische Neuausrichtung des konzerneigenen Vertriebs. Die eigenen Niederlassungen waren nach Angaben des Unternehmens profitabel, dennoch kam die 2024 vorgenommene Prüfung zu dem Ergebnis, dass ihre Veräußerung sinnvoll sei. Käufer müssen unter anderem Handelsexpertise, wirtschaftliche Stärke, Investitionsbereitschaft und ein langfristiges Konzept mitbringen. Reine Finanzinvestoren hatte der Autobauer ausdrücklich ausgeschlossen.
Dahinter steht zugleich ein grundlegender Wandel im Autovertrieb. Im Agenturmodell übernimmt der Hersteller mehr Kontrolle über Fahrzeugangebot und Preise, während Händler stärker als Vermittler sowie als Ansprechpartner für Auslieferung und Service auftreten. Schon bei der Vorbereitung des Modells wurde eine Verkaufsprovision von 6,5 Prozent für den Handel genannt. Eigene Vertriebsbetriebe verlieren in einer derartigen Struktur strategisch an Bedeutung.
Was verdient ein Autohändler bei Mercedes?
Eine allgemeingültige Händlermarge lässt sich nicht nennen, weil Geschäftsmodell, Fahrzeug und vertragliche Konditionen eine Rolle spielen. Für das Mercedes Agenturmodell wurde bei dessen Vorbereitung eine Provision von 6,5 Prozent genannt. Branchenweit bewegen sich feste Verkaufsprovisionen im Agenturvertrieb laut AlixPartners häufig in einer Größenordnung von etwa fünf bis acht Prozent. Hinzu kommen für Handelsunternehmen Einnahmen aus Werkstatt, Wartung, Ersatzteilen und weiteren Dienstleistungen.
Mercedes verkauft alle Autohäuser und Berlin zeigt die Dimension
Die Niederlassung Berlin-Brandenburg verdeutlicht, welche Größenordnung die Neuordnung inzwischen erreicht hat. Global Auto Holdings, kurz GAHL, übernimmt sieben Standorte mit mehr als 1.100 Beschäftigten. Darunter befindet sich der Flagship-Store am Salzufer mit mehr als 36.000 Quadratmetern Fläche, den GAHL als weltweit größtes Mercedes-Benz Autohaus bezeichnet. GAHL-Eigentümer Kuldeep Billan baut damit zugleich die Zusammenarbeit mit Mercedes aus, die bereits Standorte in Großbritannien und den USA umfasst.
Mercedes verkauft alle Autohäuser allerdings nicht gebündelt an einen einzigen Käufer. Genau das war von Beginn an ausgeschlossen. Für Berlin und Brandenburg wurde der Vertrag im Mai 2026 geschlossen, die Europäische Kommission erteilte am 7. August die kartellrechtliche Genehmigung. GAHL gibt seinen weltweiten Umsatz mit mehr als acht Milliarden US-Dollar an.
Die Belegschaft erlebt einen tiefen Einschnitt
Für die Beschäftigten bedeutet der Verkauf der konzerneigenen Betriebe einen erheblichen Wandel. Der Gesamtbetriebsrat hatte die Entscheidung scharf kritisiert und sprach von einer großen Enttäuschung für rund 8.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Im Sommer 2024 erzielten Unternehmensleitung und Arbeitnehmervertretung eine Einigung über wesentliche Eckpunkte für mögliche Betriebsübergänge zu potenziellen Erwerbern. Dazu gehören tarifliche Regelungen und Ausgleichszahlungen.
Der finanzielle Umfang dieser Vereinbarungen ist inzwischen auch in der Konzernbilanz sichtbar. Allein im ersten Halbjahr 2026 verbuchte Mercedes-Benz im Zusammenhang mit den Verkäufen Aufwendungen von 169 Millionen Euro, im Wesentlichen für Ausgleichszahlungen an Beschäftigte. Gleichzeitig rechnet der Konzern für 2026 mit positiven Auswirkungen auf den Zahlungsmittelbestand im hohen dreistelligen Millionenbereich.
Die nächste Verkaufswelle erfasst weitere Niederlassungen
Der Umbau erfolgt in mehreren Etappen. Koblenz, Mainz und Neu-Ulm wechselten bereits 2025 den Eigentümer, Dortmund und Lübeck folgten mit dem Vollzug im ersten Quartal 2026. Verträge für Kassel, Würzburg, Hannover, Wuppertal, Aachen und Reutlingen wurden ebenfalls geschlossen. Der Gesamtbetriebsrat bezeichnet diese Entwicklung ausdrücklich als mehrere Verkaufswellen.
An mangelndem Interesse potenzieller Käufer scheitert das Vorhaben nicht. Die mit dem Prozess befasste Kanzlei Noerr berichtet von parallelen Bieterverfahren mit starkem Interesse nationaler und internationaler Unternehmen. Das zeigt auch den wirtschaftlichen Wert der Betriebe. Mercedes-Benz verkauft Autohäuser, die über etablierte Kundenstämme, Werkstätten und attraktive regionale Marktpositionen verfügen.
Wie lange wird es Mercedes noch geben?
Der Verkauf der Niederlassungen liefert keinen Hinweis darauf, dass Mercedes-Benz als Automarke vor dem Aus steht. Vielmehr trennt der Konzern den Fahrzeugbau und die Marke stärker vom unmittelbaren Betrieb eigener Verkaufsstellen. Die Autohäuser sollen grundsätzlich erhalten bleiben und von neuen Eigentümern weitergeführt werden. Bereits bei Bekanntgabe der Pläne hatte Mercedes Standortschließungen ausdrücklich ausgeschlossen.
Für Kunden verändert sich daher weniger, als die Schlagzeilen zunächst vermuten lassen. Verkauf, Wartung und Service sollen weiterhin vor Ort angeboten werden. Der Eigentümer des Betriebs kann wechseln, während Mercedes-Benz als Hersteller und Marke bestehen bleibt. Die Verkäufe sind damit Teil einer Neuordnung des Vertriebs und kein Abgesang auf den Stuttgarter Autobauer.
Fazit: Mercedes verkauft alle Autohäuser und verändert damit sein Vertriebsnetz
Mercedes verkauft alle Autohäuser in Deutschland, die bislang konzerneigen betrieben wurden, schrittweise an ausgewählte Handelsunternehmen. Rund 8.000 Beschäftigte in etwa 80 Betrieben waren zu Beginn des Prozesses betroffen. Standorte wie Neu-Ulm, Koblenz, Dortmund und Lübeck haben den Eigentümer bereits gewechselt, weitere Transaktionen laufen. Berlin-Brandenburg mit sieben Standorten und mehr als 1.100 Beschäftigten zeigt, wie weit der Umbau inzwischen fortgeschritten ist.
Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen Verkauf und Schließung. Die Standorte sollen weitergeführt werden, während Mercedes-Benz Kapital und Managementaufwand aus dem eigenen Handelsgeschäft herausnimmt. Für Beschäftigte bleibt der Eigentümerwechsel dennoch einschneidend, weshalb Tarifbedingungen und Betriebsübergänge zu den zentralen Konfliktpunkten des gesamten Prozesses gehören. Für Kunden dürfte dagegen vor allem sichtbar werden, dass künftig häufiger ein privates Handelsunternehmen hinter dem Mercedes Stern vor Ort steht.





